Die ersten Jahre (1990-1994)
Angefangen hat das Ganze 1990 in Wismar, als Axel und Tilmann Walter sich mit zwei anderen Leuten zusammenfanden, um gemeinsam Musik zu machen. LATilmann hatte ein mittelalterliches Liederbuch namens „Der schräge Turm“ ausgegraben, aus dem einige Lieder nachgesungen wurden. Neben Tilmann/Gitarre und Axel/Gesang spielt Heike Akkordeon und Schiti die Flöte. Nach einiger Zeit gibt es auch Darbietungen einiger Lieder und Gedichte bei Partys. Und irgendwann gibt sich diese Formation auch einen Namen: „Bürgerwehr“.

Axel mitBald gehen Tilmann und Axel nach Berlin, um dort zu studieren. Tilmann studiert Elektrotechnik an der TU Berlin und Axel schreibt sich in Ethnologie und Geographie an der FU bzw. HU Berlin ein. Heike und Schiti bleiben in Wismar und so müssen sich Tilmann und Axel in Berlin neue Leute suchen.

tilIm Herbst 1991, als Helen gerade ihr Studium der Kulturwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik an der Humboldt-Uni anfängt, bemerkt sie eines Tages am Schwarzen Brett einen zerknitterten Zettel, auf dem in etwa steht: „... suchen Mandoline, Geige, Akkordeon, Flöte u.ä. für dreckigen Folk“ .

HelenHelen hat zufällig einige Zeit vorher ein Konzert der „Inchtabokatables“ in der KvU gesehen.
Sie ist so begeistert, dass sie tatsächlich dort beschließt, auch irgendwas mit Geige in einer Band zu machen. Bisher hat sie nach der Ausbildung in der Musikschule nur in kleinen Orchestern oder im Quartett gespielt, und irgendwie war das ein bisschen langweilig.
Gleichzeitig meldet sich noch Katja Kühler, die auch an der HU studiert und Flöte spielen kann. Regelmäßig wird bei Tilmann in der Korsörer Straße im Prenzlauer Berg geübt.

Einige Lieder aus dem Liederbuch wie z.B. „Es wohnen in meinem Städtchen“ oder „Ich habe nichts gegen die Dummen“ werden immer wieder intensiv geprobt, auch Stücke wie „Gestern kam der Tod zu mir“, zu dem Lessing den Text schrieb. Diese Stücke sind einfach, witzig und unverblümt.

Außerdem fangen Axel und Tilmann an, eigene Texte und Lieder zu schreiben. So entstehen „Liebe“, „Lump“ und „Das Glas ist leer“. Irgendwann beginnt Tilmann mit einem Fuß eine Fußtrommel und mit dem anderen eine Kastagnette zu schlagen. Unser berühmter „Bum-Tschak“-Rhythmus ist geboren.

Nun wird es Zeit, auch einen geeigneten Namen für die Band zu finden. Es wird gegrübelt und debattiert, und an dem Punkt, wo alle schon ziemlich abgelaufen sind, sagt jemand „Mutabor“, und es kommt allen so vor, als hat ihnen jemand dieses Wort aus dem zeitlosen Äther zugerufen. Beschreibt dieses Wort doch die magische Verwandlung, die uns mit der Musik selbst widerfahren ist! Danach gibt es keine Fragen mehr, und der Bandname ward geboren.

Nach einiger Zeit treten wir dann auch auf – zuerst auf Partys, dann aber auch etwas öffentlicher, z.B. bei einer Vernissage eines befreundeten Malers.

spIn dieser Besetzung, also Axel/Gesang, Katja/Flöte und Streichpsalter (ein mittelalterliches Streichinstrument) Helen an der Geige und Tilmann/Gitarre, Fußtrommel und Kastagnette, machen wir bald auch eine kleine Tour. Ein alter Freund von Axel, Holger, hat uns einen Auftritt bei einem Stadtfest in Meiningen (Thüringen) besorgt, und damit es sich lohnt, fahren wir schon einen Tag früher los und legen noch einen Stop in Halle ein.

Mit Hilfe einer alten Bekannten von Axel, die in Halle wohnt, finden wir eine Musik-Kneipe, die uns spielen lassen will und auch noch einen Platz zum Schlafen für uns hat. Lustigerweise hat der Kneiper an diesem Abend schon eine Zwei-Mann-Band zur musikalischen Unterhaltung, doch er lässt auch uns noch mal auf die Bühne, und es kommt gut an! So gut, dass der Kneiper uns am Ende mehr zahlt als dem Duo ...

SKRÜbrigens gab es damals schon eine elektrische Verstärkung für Helens Geige, die Tilmann, der Elektronik-Freak, selbst gebaut hatte: Als Tonabnehmer dient eine Musik-Glückwunschkarte, die einfach umgepolt wird und so als Mikrofon funktioniert. Verstärkt wird das Ganze mit Helens altem Kassettenrekorder „SKR 700“, ein im letzten Jahrhundert übliches Gerät zum Konservieren und Abspielen von Musik.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Meiningen, wo sich das Stadtfest ziemlich lau und langweilig gestaltet und wir auf einem staubigen Parkplatz vor 10 Besoffenen spielen. Na ja, trotzdem bleibt diese erste Tour in ziemlich guter Erinnerung, obwohl Holger, der Freund von Axel, der uns den Auftritt besorgt hatte, leider nicht mehr lebt. Er kam bei einem Autounfall zusammen mit einem Kumpel in dessen neuem Flitzer ums Leben, als die beiden kurzerhand einen Ausflug nach Amsterdam machen wollten.

Im Herbst 1992 verlässt uns Katja. Axel erinnert sich, dass er mal eine sehr nette Flöten-und Klarinettenspielerin auf einer Studi-Winter-Reise kennen gelernt hat. Anita studiert an der HU Spanisch, Amerikanistik und Musikwissenschaft. Anita

Nur zweimal können wir mit Anita proben, bevor wir unseren ersten „richtigen“ Auftritt in einem Club haben. Am 27.11.92 treten wir in der „Bunten Kuh“ in Berlin-Weißensee auf, wofür auch erstmalig Plakate von uns geklebt werden. Das Plakat-Motiv war damals schon ein „Flöter“, gezeichnet von Axels Cousin Tom Schnick.

plakat 93Dieser erste „richtige“ Auftritt läuft eigentlich ziemlich gut – das Publikum geht gut mit und hat Spaß an der Musik. Für Anita ist es trotzdem eine Tortur, denn das kleine Mikrofon, das Tilmann extra für die Flöte gebastelt hat, funktioniert nicht, außerdem muss sie oft in das sicherheitshalber bereitgelegte Notenheft schauen.

Kurz darauf, Ende November 1992, machen wir im Keller unter dem „Café Osten“ in Weißensee - ein paar Jahre später brennt das Haus komplett aus - unsere ersten Demoaufnahmen mit Jörg Hausmann, Gitarrist bei „Ahava Raba“, einer Avantgarde-Folk-Band, die sehr emotionale jiddische Musik zum Zuhören macht.

1MC

Dabei werden einfach vier Mikros in den Proberaum gestellt und live aufgenommen.  Diese Demo-Aufnahmen „Lump II“, „Du und Ich“, „Keine Liebe“ und „Das Glas ist leer“ werden auf Musik-Kassetten, die wir "...unser bestes" nennen, kopiert, um sie weiterzugeben und mehr Auftritte zu bekommen. (MCs oder Musik-Kassetten, oft auch als Tape bezeichnet, sind ein im letzten Jahrhundert weit verbreitetes und relativ kosten-intensives analoges Speichermedium auf Magnetband - Basis mit erträglicher Qualität) CDs sind zu dieser Zeit nicht nur teuer, sondern müssen sich den Markt auch noch mit der wesentlich billigeren und allgegenwärtigen Vinyl-Schallplatte, einer gerillten schwarzen Scheibe in Tortengröße, teilen. CD-Brenner für den Privatgebrauch sind noch nicht erfunden.

1993 gibt es schon mehrere Konzerte in Berlin, z.B. im April in der „Assel“ in Berlin-Mitte. Das war damals noch eine Studentenkneipe. Die ganze Oranienburger Straße mit dem heruntergekommenen Tacheles am Ende hatte damals noch den Charme vernachlässigter Ostberliner Altbauten, billigem Straßenstrich und dichtgemachter Obst- & Gemüseläden. Die „Assel“ fungiert zu dieser Zeit als Aufwärm- und Pausen-Station für die Nutten der Oranienburger Straße. Das Konzert wird ziemlich chaotisch - Anita quält sich mit dem alten Streichpsalter, der sich nur schwer stimmen lässt, und zwischendurch drängeln sich Nutten auf dem Weg zur Toilette über die „Bühne“.

Markus DrumsZiemlich bald kommt Markus Gerhards zur Band, der später unser langjähriger Gitarrist wird, in den ersten Jahren jedoch Schlagzeug spielt. Auch er studiert Amerikanistik, außerdem Musikwissenschaft an der HU. Durch eine Kommilitonin lernt ihn Helen kennen und spielt ihm die Demo-Kassette vor. Markus findet die Musik „witzig“ und steigt im Mai als Trommler ein. Da es kein richtiges Schlagzeug gibt und wir in Tilmanns Wohnung sowieso keinen Krach machen dürfen, wird die Fußtrommel von Tilmann zur Bass-Drum umfunktioniert, außerdem sorgen Bongos für den richtigen Beat. Nun sind wir eine richtige Studi-Band.

Am 4. Juni spielen wir auf unserem ersten richtigen Festival, einem Hinterhof-Fest in der Alten Schönhauser 26 in Berlin-Mitte. Dort spielen mehrere Bands, u.a. „Brain Drain“, eine Russen-Punk-Band, die heute noch unterwegs ist, und eine Ska-Band, die ungefähr 40 Titel in 30 Minuten spielen konnte. Andere Konzerte folgen, z.B. am 18. Juni im „Grünewald“ (später „Bergwerk“) in der Bergstraße in Berlin-Mitte - unser erster größerer Auftritt mit Publikum, das nur wegen uns gekommen ist.

Zwischen dem 10.Juni. - 25.Juni machen wir uns bei Stormy, der ein kleines Studio in Kreuzberg für wenig Geld zur Verfügung stellt, an die Aufnahmen für unseren ersten Longplayer. Insgesamt nehmen wir 13 Songs auf: „Lump II“, „Liebe“, „Cowboy“, „Du und ich“, „Spinne“, „Nja Nja Nja“, „Beutelschneider“, „Das Glas ist leer“, „Immer wieder“, „Kanapee“, „Städtchen“, „Tod“ und „Troubadour“.

HDas Werk erscheint wieder als Musik-Kassette, wird bei Konzerten verkauft, und heißt anfänglich „Kneipenfolk“ bekommt später aber dann den schönen Namen Homunkulus und ist mittlerweile ein heißbegehrtes Sammlerobjekt. Die 93er Versionen einiger Songs die später auch auf unserem regulären 97er Debut-Album erscheinen, unterscheiden sich aber teilweise noch erheblich von den späteren Veröffentlichungen, da wir zu dieser Zeit nach wie vor ohne Bass und herkömmliches Schlagzeug spielen

Anfang Juli fahren wir wieder zum Stadtfest nach Meiningen. Dazu müssen wir fünf uns in Axels kleinen Golf quetschen, was nur geht, wenn Markus vorne sitzt mit den Bongos zwischen den Beinen, und Tilmann zwischen uns Mädchen auf der Rückbank. Wir zelten bei Axels Freund Holger im Garten und treten am nächsten Tag auf einem staubigen Parkplatz mit Bierbude auf. Keiner beachtet uns. Das Publikum steht 50 Meter von uns entfernt und trinkt Bier.

Dann spielen wir wieder in Berlin: 9. Juli im NGW-Studentenklub Berlin auf einer Studentenparty der Nahrungswissenschaftler. Mit uns spielen „Ahava Raba“. Leider sind die anwesenden Studenten ziemlich trinkfreudig und übel drauf. Während des Konzertes von „Ahava Raba“ werden einige besoffene Studenten unangenehm laut, und der ältliche DJ hat nichts Besseres zu tun als während des Konzertes Discomusik einzuspielen. Als Reaktion auf diese unangenehme Situation für „Ahava Raba“, für uns und für alle, die die Musik hören wollen, fängt Axel ein Handgemenge an.

Einen weiteren Jahres-Höhepunkt für Mutabor stellt der Auftritt am 22. Juli im „Wydox“, Schönhauser Allee 5 in Berlin-Mitte, dar. Das Haus in der Schönhauser Allee Nr. 5 war lange besetzt und schon zu Ostzeiten Wohnstatt und Treffpunkt für einige Bands wie z.B. „Feeling B“ und „Sandow“. Später wurde das „Wydox“ zum illegalen Club, bis es schließlich zumachen musste.

Ende Juli starten wir zur zweiten Mutabor-Tour, der Wismar-Tour: Konzerte im „Block 17“, dem Studentenclub, und im „Schlauch“, einer Musik-Kneipe. Übernachtet wird in Axels alter Wohnung. Im September 1993 fährt Axel für 4 Monate nach Äthiopien und Helen für 6 Monate nach San Francisco – erste große Mutabor-Pause.


 
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