Der Weg zum Ruhm (1994-1997)

Im Frühling 1994 sind wir wieder alle beisammen. Bald folgt unser erster Auftritt auf einer richtig großen Bühne am 20. Juni im Leipziger Uni-Innenhof. Die Bühne ist so groß, dass wir uns richtig verlassen vorkommen. Außerdem müssen wir als erste Band am Nachmittag spielen und es sind nur wenige Leute da, die verstreut am Rande des riesigen Hofs stehen. Wieder haben wir die Ehre, mit „Brain Drain“ und „Cäsar“ auf einer Bühne zu stehen. Headliner ist die Legende „Canned Heat“, die schon 1969 bei Woodstock mit dabei waren und mit „On the Road Again“ diesen Hit hatten, der auch uns jahrelang begleitet!

hWieder zurück in Berlin gehen wir noch einmal für einige Tage zu Stormy ins Studio um neue Aufnahmen zu machen. „Amsterdam“, „Maria“, „Abgestand’nes Bier“ und „Lirum Larum“. Außerdem nehmen wir einige ältere Songs von der 93er Session noch einmal neu auf. Auch dieses Material kommt auf MC, wird auf unseren Konzerten und wieder unter dem Namen Homunculus (diesmal aber mit „c“) verkauft.

Ungefähr in dieser Zeit lernen wir Holger Schade und Falk Dörffel von der Konzertagentur „ConcertIdee“ kennen. Sie vermitteln uns Auftritte, verleihen uns einen Band-Bus und begleiten uns auch oft als Techniker.

Unser Konzert am 14. November 1994 im „Cafe Zapata“ im Tacheles in Berlin-Mitte soll sich später als ein sehr bedeutsames herausstellen. Dort sieht uns eher zufällig der Wiener Produzent und Mitglied der Band „EAV“, David Bronner. Sofort nach dem Konzert fragt er nach Tonträgern und ist total begeistert. Wir auch! Wir unterhalten uns mit ihm und beschließen, dass er uns „ganz groß rausbringt“! Es herrschte ab jetzt große Aufregung bei uns. Bereits einen Monat später kommt David wieder nach Berlin, um mit uns die ersten Aufnahmen zu machen.

Anfang Dezember spielen wir, mit David Bronner am Bass, im legendären „KdW“ in der Alten Schönhauser in Berlin-Mitte. Es wird ein sehr punkiges und schweißtreibendes Konzert mit super Stimmung.

kdwVor den Studioaufnahmen proben wir noch zwei Tage mit David in Tilmanns Wohnung. Wir nehmen uns unseren Song „Abgestandenes Bier“ vor. David erarbeitet mit uns zusammen neue Arrangements und vom 6. bis 8. Dezember nehmen wir zum ersten Mal in einem professionellen Studio, dem „Powerplay-Studio“ in Berlin-Tiergarten, mit Eberhard Köhler als Toningenieur Songs auf. Wir merken auch bald, dass das, was man im Studio am meisten macht, das Warten ist.

Es folgen weitere Auftritte: in Berlin-Buch, „Der Alte“, wo nur wenig Publikum anwesend ist und uns gleich zu Beginn ein Malheur passiert. Da die Nebelmaschine nur von der Bühne aus gesteuert werden kann, übernimmt Tilmann diesen Job. Per Fußschalter setzt er sie gleich beim ersten Lied in Gang, sie hört jedoch nicht mehr auf zu nebeln, so dass wir vor Ende des ersten Stückes erst mal abbrechen müssen, weil wir nichts mehr sehen. Dann gibt es eine weitere Studentenparty an der Humboldt-Uni, einen Auftritt im „JAZ“ in Rostock: einem Punkschuppen, der heute leider nicht mehr existiert, ein Konzert an der Ostsee in Ribnitz-Dammgarten, wo Axel total heiser ist und nicht singen kann. Doch wir spielen trotzdem. Axel singt, bis seine Stimme ganz weg ist, dann übernimmt Tilmann den Frontgesang, wofür er kurz vorher noch die Texte auswendig lernt. Wir finden’s trotzdem gut, doch das Publikum lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Keiner klatscht und ab und zu ruft jemand: „Schneller, schneller!“, was wir dann auch machen. Kurz vor Jahresende spielen wir im Kreiskulturhaus „Peter Edel“ in Berlin-Weißensee, wo Helen einst ihre Jugendweihe feierte.

Im Jahr 1995 spielen wir insgesamt 35mal. Die Auftritte organisiert ConcertIdee. Nur selten können wir am Auftrittsort übernachten, deshalb müssen wir oft nachts nach Berlin zurückfahren.

anAnfang des Jahres beschließt Anita, Saxophon zu lernen. Sie leiht sich eine Saxophonschule aus der Bibliothek aus und fängt an, fleißig zu üben.

Bei einem Konzert im legendären „Käpt’n Nemo“ in der Oderberger Straße in Berlin schlägt Helens bisher schwärzeste Stunde. Gleich zu Beginn des Konzerts reißt eine Saite der Geige, und es dauert eine halbe Stunde, bis die Saite wieder drauf ist. Bei einem Konzert in Berlin/Lychi 60 kommt auch Helens Oma Carola aus Jena. Sie findet es klasse und staunt über die „netten jungen Leute mit den bunten Haaren“, die ihr einen Platz zum Sitzen anbieten. Die Lychi 60 war damals noch ein sehr kultiger und revolutionärer Ort, wo im Keller ausgiebig und für wenig Geld Live-Konzerte und Partys stattfanden.

arBeim Konzert am verhüllten Reichstag verkaufen wir so viele Kassetten wie noch nie und finden großen Anklang.

Vom 4. bis 12. März machen wir erste Studioaufnahmen in Wien. Wir fahren zu fünft+Instrumente zusammengequetscht im Opel Kombi von Axel ca. 14 Stunden bei Schneesturm. Danach schmerzen uns alle Knochen, Tilmann kann sich kaum noch bewegen. Übernachten müssen wir in einer Jugendherberge, wo der letzte Einlass eigentlich schon um 22 Uhr ist, doch wir können den Pförtner überreden. Dann nehmen wir in Davids Olympiastudio „Oberhemd“, „Amazagenalo“ und „Das Glas ist leer“ auf. Markus spielt außer Schlagzeug auch Gitarre und Bass ein. Vom 25. Juli bis 17. August gehen die Aufnahmen dann weiter. Die ersten zwei Tage haben wir noch Zeit, Wien zu besichtigen und die Balkan-Atmosphäre dieser Stadt zu genießen. Dann nehmen wir die Titel „Liebe“, „Lump“, „Saufen“, „Amsterdam“ und „Immer wieder“ auf. Außerdem spielen wir „Fortschrittstanz“, „Beutelschneider“ und „Seeräuberballade“ ein, die es aber nicht auf das spätere Debüt-Album schaffen.

Diesmal übernachten wir in einer großen Wohnung in der Nähe des Olympiastudios. Diese knapp vier Wochen sind für uns eine sehr aufregende Zeit, obwohl die Studioarbeit wieder zu einem großen Teil aus Warten besteht. Oft vertreiben wir uns die Zeit mit der österreichischen Ausgabe von „Trivial Pursuit“. Wir sind ziemlich begeistert von Davids Art zu arbeiten. Besonders davon, wie er unsere Lieder, die zu einem großen Teil aus der puren Abfolge von Strophen und Refrains bestehen, arrangiert, Melodien herausgreift und ausarbeitet, Übergänge verfeinert und so aus den Liedern richtige Songs macht. Auch beim Einsingen des Gesangs von Axel brilliert David beim Visionieren der richtigen Stimmungen. Für einige Tage pausieren wir in Davids Ferienhaus am Neusiedler See, wo wir Eiswein trinken und sogar mal in See stechen. Der Neusiedler See ist sehr flach und an den Ufern überall mit Schilf überwuchert. Die Grenze zu Ungarn ist nicht weit und im Schicksalsjahr 1989 flüchteten viele DDR-Bürger an dieser Stelle in den Westen.

presseDas Zusammenleben in der gemieteten Wohnung macht auch viel Spaß, nur wird es manchmal ein bisschen eng, wenn uns unsere Freunde aus Berlin besuchen. Für Axel ist die Zeit auch nicht leicht, denn er hat, wie sich später herausstellte, einen Virus aus Äthiopien eingeschleppt, den der Arzt falsch diagnostiziert und ihm deshalb Antibiotika verschreibt. So kommt es, dass Axel jeden Morgen vor seiner Morgenration die sehr chemisch anmutenden Dragees betrachtet und die Nebenwirkungen auf der Packungsbeilage verinnerlicht: Mondgesicht, Depressionen u.a. Und nicht zuletzt dadurch glaubt Axel auch von Zeit zu Zeit, diese Nebenwirkungen zu haben. In dieser Zeit entsteht auch die Idee zum später veröffentlichten Song „Nebenwirkung“ auf „JaJa“.

Dreh dich, Tanz !Wieder zurück in Berlin besucht uns David Bronner, regelt den Ton bei einem Konzert und bringt außerdem einen „A&R“ (Artist- & Repertoire-Verantwortlichen) von „EastWest“ mit. Der zeigt Interesse unsere Platte zu veröffentlichen. Nach einigem Verhandeln mit David sagt „EastWest“ jedoch ab – unsere erste Enttäuschung in Sachen Plattenfirma-Suche. 
Die Wiener Songs kommen erstmal wieder auf MC. "Dreh dich, Tanz !" wird dann wie immer auf Konzerten verkauft. Im Berliner Zosch besuchen uns Toni Krahl und Fritz Puppel vom Berliner Label „K & P“ – die Leute von der Band „City“ („Am Fenster“). Doch es ergibt sich kein Plattendeal.

Silvester spielen wir im Brandenburger Fontaneclub – unser erstes sehr seltsames Silvesterkonzert, dem noch weitere folgen sollen. Zuerst geht der Bus kaputt bei extremen Minusgraden, wir kommen zwei Stunden zu spät, da sitzt schon das ältere, ordentlich angezogene Publikum an Tischen mit weißen Tischdecken und wartet auf das Silvestermenü. Es gibt keinen Tontechniker vor Ort, der die Anlage bedienen kann, weshalb Tilmann mal wieder einspringt. Beim Konzert wirken alle erst etwas pikiert, aber mit zunehmendem Alkoholspiegel tanzt auch diese Gesellschaft zu unserer Musik. Die Krawatten werden gelockert und es wird noch eine richtig dufte Silvesterparty. Übernachten müssen wir allerdings in fremden Schlafsäcken in einem Ballettzimmer mit riesigen Spiegeln, obwohl uns eine richtige Unterkunft versprochen worden war.

Ab Oktober haben wir einen richtigen Proberaum - im Keller des Flughafengebäudes Tempelhof. Bis jetzt trafen wir uns immer in Tilmanns enger 1-Raum-Wohnung, was uns immer ein unendliches Hoch- und Runterschleppen der Instrumente in den 4. Stock bescherte.

anitaZwischenzeitlich gibt es wieder ein neues Instrument bei Mutabor. Anita hat sich aus Ecuador ein tschechisches Akkordeon mitgebracht. Mithilfe einer Akkordeonschule aus der Bibliothek macht sie schnell Fortschritte, und spielt es z.B. bei der „Seeräuberballade“, besagtem Brecht-Song den wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht veröffentlichen dürfen, der dafür aber für lange Zeit der finale Song des Live-Sets ist.

Jens-Uwe Zietz alias Jensi, ein alter Wismarer Schulfreund von Axel, kommt als erster Bassist zu uns. Wir spielen von da an und bis heute in unveränderter Instrumentierung. Gesang, Violine, Flöte, Gitarre, Bass, Schlagzeug.

1996 nehmen wir, angeregt durch unsere Konzertagentur ConcertIdee, an einem Demo-Wettbewerb der Zeitschrift „Soundcheck“ teil. In der 2/96er-Ausgabe erscheint die Auswertung: Wir gewinnen mit „Abgestand'nes Bier“ und kommen auf den Rock'n'Future - Sampler, der von der Allianz-Versicherung gesponsort und von Peter Maffay beschirmherrt in 500.000er Auflage kostenlos verteilt wird und uns zu einer kräftigen Gema-Finanzspritze verhilft.

Im Bunten Zentrum Zwickau spielen wir ein sehr chaotisches Konzert. Schon am Eingang werden wir extrem von Punks belagert und nach Geld für den Eintritt gefragt. Verkehrte Welt! Außerdem fällt Helen während des Konzerts in ein Loch in der Bühne, wobei die Geige kaputt geht und das halbe Konzert ohne Geige gespielt werden muss.T

Nach einigen Auseinandersetzungen über unsere Ziele trennen wir uns schweren Herzens von Tilmann, dem Gitarristen der ersten Stunde. Tilmann braucht viel Zeit, um seinen Doktor zu machen und sieht Mutabor eher als Hobby denn als professionelles Projekt. Markus übernimmt von da an die Gitarre und Thomas Görsch kommt als neuer Schlagzeuger dazu.

markusDavid Bronner hat den Kontakt zu Virgin Deutschland hergestellt und ihnen unsere Aufnahmen vorgespielt. Nun wollen sie uns live erleben und besuchen uns beim Chemnitzer „Klub Arthur Open-Air“. Die Bedingungen sind denkbar schlecht um zu beweisen, dass wir eine gute Liveband sind. Es ist kaum Publikum da, fast nur unsere Freunde aus Berlin, die extra mit angereist sind, es gibt keine richtige Bühne und wir sind furchtbar aufgeregt. Den „A&R“ von Virgin, Stefan Mattner, können wir aber trotzdem von uns überzeugen! Kurze Zeit später, am 4. November 1996, unterschreiben wir den heiß ersehnten Plattenvertrag.

Dann geht es gleich weiter nach Wien, wo wir vom 5. bis 11. November noch einmal im Olympiastudio aufnehmen: „So weit ist das Meer“ und „Ich möchte Dich gern...“.

Dann der große Silvesteranschiss: Die ASTA der Erfurter Uni buchte uns für die Silvesterparty, doch bei unserer Ankunft findet sich plötzlich kein „Verantwortlicher“ mehr – der hat sich verkrümelt. So versuchen wir, bis Mitternacht zu feiern und machen uns danach bei eisiger Kälte auf den Rückweg nach Berlin.

TP1997Das ganze Jahr über lassen wir Kassetten mit unseren Aufnahmen kopieren und verkaufen sie auf den Konzerten. Das Cover und Booklet sowie Kassetten-Aufkleber stellt Tilmann her. Im Bus auf der Anreise zum Konzert falten und bekleben wir dann immer die Kassetten. In diesem Jahr werden auch unsere ersten „richtigen“ Flöter-Plakate gedruckt.

Den „Flöter“ gestaltet Toni Mamic, ein befreundeter Grafiker, der später auch alle Motive für Tour-Plakate, T-Shirts, Merchandise-Artikel und die Cover und Booklets unserer folgenden Alben gestaltet.

1997 geben wir 73 Konzerte in ganz Deutschland, gebucht von ASS, Meistersinger und ConcertIdee.

helDBAm 20. März erscheint unser Debüt MUTABOR bei Virgin Germany (EMI). 
Vom 18.03. - 21.03. machen wir eine von Virgin organisierte kurze Record-Release & Promo-Tour zusammen mit der Band „Sorgenbrecher“ im Nightliner: 18.3. München / Incognito, 19.3. Hamburg / Logo und 21.3. Berlin / Kesselhaus. Alle Konzerte bei freiem Eintritt. In Berlin kommen mehr als 1500 Besucher, obwohl nur 900 ins Kesselhaus passen; Hunderte müssen draußen bleiben. Die Besucherzahlen steigen stetig.

Das ganze Jahr fahren wir mit Andreas Rückert als Tontechniker in der Besetzung Axel, Anita, Helen, Markus, Jens, Thomas. Ab Juli fährt manchmal Ronald, ein Kumpel von Andreas, als Lichtmann mit. Ab Oktober macht Thomas Link das Licht.

Das „Büro 2000“ steigt Anfang des Jahres bei uns ein, um unser Management zu übernehmen.

 
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